Mit diesem Artikel gehe ich ein kontroverses und oft unverstandenes Thema an — den Umgang mit einem Blitzbelichtungsmesser im Studio. Dieser Beitrag ergänzt meinen Artikel „Studioportrait für absolute Anfänger“ und orientiert sich ebenfalls an Fotografen, die ihre erste Versuche mit Studiolicht wagen.

Ein Blitzbelichtungsmesser (im Weiteren einfach Belichtungsmesser) kann Sie im Studio bei zwei Aufgaben unterstützen: Einrichtung der Beleuchtung und Finden der richtigen Belichtung. Wir fangen mit der Beleuchtung an. Die Zusammenhänge erläutere ich anhand der Lichtmessung. Bei grundlegenden Bedienungsfragen konsultieren Sie bitte das Handbuch Ihres Belichtungsmessers.

Referenzmessung

Das Einrichten des Lichts beginnen Sie mit dem Hauptlicht. Sehen Sie dazu Studioportrait für absolute Anfänger. Mit dem Belichtungsmesser messen Sie die Stärke des eingerichteten Hauptlichts. Platzieren Sie dazu den Belichtungsmesser am Gesicht der portraitierenden Person mit der Messkalotte Richtung Hauptlichtquelle. Achten Sie darauf, dass die Kalotte nicht vom Licht abgeschattet wird — passiert viel schneller und öfter als man denkt!

Referenzmessung

Nehmen Sie nun eine Messung vor. Angenommen der Belichtungsmesser zeigt Blende 11 an. Behalten Sie diese Zahl im Kopf — das ist Ihre Referenzmessung. Die Stärke aller anderen Lichtquellen wird relativ zu dieser Messung eingestellt.

Referenzmessung

Beleuchtungskontrast

Die Schaffung einer gewünschten Stimmung im Bild gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Lichtführung. Ein bestimmter Beleuchtungskontrast — das ist der Beleuchtungsunterschied von ausgeleuchteten und in Schatten liegenden Partien — trägt dazu entscheidend bei. Den Beleuchtungskontrast steuern Sie über die Stärke des Aufhelllichts. Hierbei sind einige Anhaltspunkte:

  • Schwacher Kontrast Die Schatten sind nur minimal zu erkennen. Das Aufhelllicht ist höchstens eine Blende schwächer als das Hauptlicht. In unserem Beispiel werden Sie das Aufhelllicht so einrichten, dass Sie die Blende 8 oder 9.5 am Motiv messen. Ein Highkey-Foto wäre ein typischer Einsatzbeispiel für diesen Beleuchtungskontrast. Auch Frauen- oder Kinderbilder, die romantisch wirken oder Zärtlichkeit vermitteln sollen, können von diesem Kontrast profitieren.
  • Normaler Kontrast Das Aufhelllicht ist eine bis zwei–zweieinhalb Blenden schwächer als das Hauptlicht. Für unsere Referenzmessung würde das bedeuten, dass die Stärke des Aufhelllichts etwa Blende 5.6 beträgt. Das resultierende Beleuchtungskontrast bietet neben einer guten Formmodellierung eine gute Schattenzeichnung. Die meisten Menschen sind mit diesem Beleuchtungskontrast sehr gut vertraut. Somit wäre sein Einsatzzweck sehr vielseitig: angefangen von Bewerbungsfotos bis zu Fashionfotografie. Um nur Einige zu nennen.
  • Starker oder dramatischer Kontrast Die Schatten sind sehr stark ausgeprägt. Sie richten das Aufhellicht so ein, dass es drei Blenden schwächer als das Hauptlicht ist. Mit diesem Kontrast bringen Sie Dramatik oder Unruhe ins Bild. Gut geeignet ist dieser Kontrast beispielsweise für Lowkey- oder Männerportraits.

Bei der Messung des Aufhelllichts gehen Sie genau so vor, wie sie das Hauptlicht gemessen haben. Sie platzieren den Belichtungsmesser am Modell und führen eine Messung Richtung Aufhelllicht durch. Anschließlich vergleichen Sie das Messergebnis mit Ihrer Referenzmessung und korrigieren die Stärke des Aufhelllichts.

Ein Punkt soll bei der Messung allerdings etwas genauer erleutert werden. Es existieren zwei Vorgehensweisen, wie Sie das Aufhellicht messen können. Bei der ersten Methode bleibt nur das Aufhelllicht während der Messung an. Alle weiteren Lichtquellen, insbesondere das Hauptlicht, werden ausgeschaltet. Somit stellt man sicher, dass die Messergebnisse von den anderen Lichtquellen nicht beeinträchtigt werden. Bei der zweiten Variante bleiben alle Lichtquellen an. Die Messung wird ebenfalls vom Modell Richtung Aufhelllicht durchgeführt. Allerdings wird je nach Belichtungsmesserkonstruktion die Kalotte versenkt (Sekonic) bzw. einen flachen Aufsatz angebracht (Minolta), so dass der Belichtungsmesser nur eine Lichtquelle – in diesem Fall das Aufhelllicht – „sieht“.

Aus- und eingefahrene Kalotte

Zusätzlich (oder wenn ihr Belichtungsmesser keinen flachen Aufsatz vorsieht) können Sie die Kalotte mit einer Hand von der Hauptlichtquelle abschatten.

Im Wesentlichen läuft es bei beiden Messmethoden auf Dasselbe hinaus. Persönlich verwende ich die zweite Methode, da es doch ein kleiner aber feiner Unterschied bleibt: Auch wenn Sie keine Lichtquelle für das Aufhellen verwenden, existiert das Aufhelllicht in Form von Resten des Hauptlichts, die von den Wänden, Boden, Decke und weiteren Gegenständen auf das Hauptmotiv zurückgeworfen werden. Betrachten Sie Gegenstände um Sie herum. Ihre im Schatten liegenden Partien sind nicht schwarz, sondern — trotz nur einer Hauptlichtquelle, eines Zimmerfensters oder einer Lampe — mehr oder minder aufgehellt. Ein Raum wird sozusagen vom „passiven“ Aufhelllicht durchflutet. Die Stärke dieses Aufhelllichts hängt im Wesentlichen von der Raumgröße und der Raumfarbe ab. Die zweite Messmethode berücksichtigt dieses Restlicht. Vielleicht stellen Sie während der Messung sogar fest, dass das „imaginäre“ Aufhelllicht für den gewünschten Beleuchtungskontrast gerade ausreicht.

Auch im Falle, wenn Sie für das Aufhellen keine Lichtquelle, sondern einen Aufhellreflektor verwenden, müssen Sie die Hauptlichtquelle während der Messung anschalten und somit auf die zweite Messmethode ausweichen. Die zweite Messmethode ist ebenfalls angesagt, wenn Sie nicht nur Blitz- sondern auch Umgebungslicht berücksichtigen möchten.

Messung des Aufhelllichts

Hintergrundlicht

Bei der Messung des Hintergrundlichts kontrollieren Sie den Beleuchtungskontrast zwischen Ihrer Referenzmessung und dem Licht, das auf den Hintergrund fällt. Bei der Messung platzieren Sie den Belichtungsmesser mit der aufgesetzten/ausgefahrenen Kalotte am Hintergrund. Der kleine Unterschied zur Messung des Aufhelllichts besteht hier darin, dass Sie nicht nur eine bestimmte (Hintergrund)Lichtquelle messen — vielleicht gibt es mehrere oder gar keine. Viel mehr sind Sie am Licht interessiert, das von allen möglichen Quellen auf dem Hintergrund landet. Deswegen wird hier kein flacher Aufsatz, sondern die (ausgefahrene) Kalotte verwendet.

Messung des Hintergrundlichts

Hier mal ein paar praktische Tipps für Hintergrundbeleuchtung:

  • um einen reinweißen Hintergrund zu erhalten, soll ein weißer Hintergrund ca. eineinhalb Blenden mehr Licht als ihre Referenzmessung erhalten. Kommt weniger Licht dran — erscheinen manche Stellen vielleicht grau. Bei mehr Licht werden Teile des Motivs „ausgefressen“. Sinnvollerweise soll den Hintergrund mit zwei Lichtquellen ausgeleuchtet werden, um eine gleichmässige Beleuchtung zu erhalten. Mit dem Belichtungsmesser können Sie die Gleichmässigkeit der Ausleuchtung an den verschiedenen Stellen schnell überprüfen.
  • ein grauer Hintergrund, der zwei–drei Blenden weniger Licht als das Hauptlicht bekommt, erscheint erfahrungsgemäß schwarz.
  • bei einem Lowkey-Bild kann der Hintergrund mit einem Lichtspot leicht aufgehellt werden. Richten Sie das Licht so ein, so dass die beleuchtete Stelle eine Blende weniger Licht als das Hauptmotiv bekommt. Hintergrundbereiche, die nicht beleuchtet sind, können zwei-drei Blenden weniger Licht erhalten.

Haarlicht

Wenn Sie das Haarlicht verwenden, messen Sie es genau so, wie das Aufhelllicht. Sie platzieren den Belichtungsmesser mit dem flachen Aufsatz am Kopf des Modells und messen in Richtung Haarlicht.

Für blonde Modells kann die Stärke des Haarlichts ruhig 1–1,5 Blenden weniger als die Referenzmessung betragen. Sonst riskieren Sie eine Überbelichtung bzw. das Haar wird zu starkt akzentuiert. Beim dunklen Haar kann das Haarlicht etwas stärker ausfallen – etwa genau so stark wie Ihre Referenzmessung. Wie auch bei anderen Lichtquellen, können Sie auch hier mit der Lichtstärke experimentieren.

Abfall der Lichtstärke messen

Die Gleichmässigkeit der Ausleuchtung können Sie natürlich nicht nur am Hintergrund, sondern an beliebigen Stellen prüfen. Wie ich schon hier erwähnt habe, fällt die Lichtintensität quadratisch mit der Entfernung ab. Je näher die Hauptlichtquelle zum Motiv ist, um so ausgeprägter wirkt der Lichtabfall an diesem Motiv. Mit dem Belichtungsmesser sind Sie in der Lage die Stärke des Abfalls zu messen und je nach Bedarf anzupassen. So können Sie beispielsweise bei einem Gruppenportrait den Abstand zwischen der Hauptlichtquelle und den portraitierenden Personen solange vergrößern, bis Sie an allen Gesichtern gleiche Lichtmenge messen. Oder Sie eintscheiden die Hände des Modells nicht so starkt zu betonen. Machen Sie Messungen am Stirn und den Händen des Modells und richten Sie das Hauptlicht so ein, dass der Lichtabfall wahrnehmnbar wird.

Belichtung

Nachdem die Beleuchtung feststeht, brauchen Sie nur noch eine Arbeitsblende zu finden, damit das Motiv korrekt belichtet wird. Platzieren Sie den Belichtungsmesser mit der aufgesetzten Kalotte am Gesicht des Modells Richtung Kamera und machen Sie eine Messung. Die angezeigte Blende stellen die Sie an der Kamera ein.

Auf eine Besonderheit möchte ich noch hinweisen, wenn die portraitierende Person in Profilansicht abgebildet wird. Wenn Sie in diesem Fall in Richtung Kamera messen und mit der gefundenen Arbeitsblende arbeiten, wird die zu der Kamera gewandte Kopfseite zwar korrekt belichtet, allerdings überbelichten Sie dabei das Gesicht. Der Belichtungsmesser berücksichtigt nur zum Teil das Hauptlicht, das von der Seite fällt. Im Falle, wo der Winkel zwischen der Hauptlichtquelle und der Kameraachse ca. 90° oder mehr beträgt, ist es sinnvoll die Kallotte zwischen der Hauplichtquelle und der Objektivachse auszurichten.

 

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22 Comments

  • Sehr Gut beschrieben. Die Besonderheit tritt auf, weil der Beli von einem Messwinkel von 180 Grad den Lichteinfall mittelt.

  • Ein ganz grosses Lob für alle geschriebenen Tutorials. Ich bin echt begeistert, wie mit viel Einfühlungsvermögen diese Themen über die Portraitfotografie beschrieben sind! In der Art habe ich noch nie etwas im IOnternet gefunden. Vielen herzlichen Dank für die grosse Mühe und die Verständlichkeit auch besonders für Anfänger. Absolut Klasse!!!

  • Super Anleitung, danke, denn genau danach habe ich schon lange gesucht. Selbst 500 Seiten starke Bücher die ich zum Thema Studiofotografie gewälzt habe, haben mir das nicht erklärt (wer heutzutage alles Foto-Bücher schreiben darf …).

  • So prägnant, praxisgerecht und leicht verständlich habe ich dieses Thema noch nirgends erklärt bekommen. Vielen Dank für die Veröffentlichung dieses Artikels!

  • Zu allem gibts es im Internet so verpennte Seiten, aber da heißt jetzt einer mal Penner und macht die aufgeweckteste Seite im Internet. Es ist schon eine Kunst, mit den richtigen Worten, den richtigen Bildern unüberfrachtet auf das Wesentliche begrenzt so etwas so verständlich zu erklären wie die Blitzbelichtungsmessung. 10 von 10 Punkten darf man getrost vergeben. Ich hatte schon vorher was darüber gesehen und wollte eigentlich mal schauen, was so ein Belichtungsmesser kostet und bin dann hierauf gestoßen. Glück muss man haben. Danke! Heri

  • Hallo Alex,

    vielen Dank für die ausführlichen Beiträge zur Portraitfotografie. Nach langer Suche endlich handfeste, kompakte und verständliche Informationen.

    Viele Grüße, Thomas

  • Hallo Alex,

    super Beitrag, genau die Informationen, die ich aktuell benötige. Bin bislang immer davon ausgegangen, das auch alles mit Probieren hinbekommen zu können. Der Beitrag hat mich überzeugt von der Notwendigkeit der Belichtungsmessung. Ausprobieren muss ich auch so noch genug.

    Schreib mal ein ganzes Buch darüber mit Zeichnungen, Making-Of-Bildern und den endgültigen Ergebnissen. Es gibt bestimmt 1000de mit Blitzanlagen der Klasse Valimex, Venditus, Mettle etc. die sich das kaufen würden! Sollen wir das zusammen machen – sehe gerade Du kommst aus Meerbusch, ist ja quasi um die Ecke nach Ddorf – interesse?

    Oder: Zeig mehr davon an dieser Stelle, ich freu´ mich drauf!

    Viele Grüße, Holger

    P.S.: Gleiches gilt für die bereits vorhandenen Parallelartikel. Das Tüpfelchen auf dem i wären noch richtige Making-Of-Bilder, das macht das ganze noch realer.

  • Vielen Dank für den aufschlußreichen Bericht. Habe bisher immer nur mit dem Histogramm gearbeitet. Der Belichtungsmesser ist schon bestellt! Ich werde weiterhin ganz interessiert alle noch erscheinenden Berichte erfolgen.

    Immer „Gut Licht“, Lothar aus Salzgitter

  • Halli Hallo!

    Bin Gott sei Dank über Ihre sehr informative Seite gestolpert! Und, habe damit einige für mich wirklich schwierige „Probleme“ im Ansatz verstehen gelernt. Jetzt muß ich das Ganze „bloß noch umsetzen“

    LG, Kristian aus dem südlichen Zipfel Österreichs (Graz)

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